Vortrags-SOS Vortragscoaching Newsletter Dr. Fleur Wöss #24, www.fleurwoess.com

Grosse Bühne oder Workshop:
Achten Sie auf die Vortragssituation!

Vor Kurzem konnte ich am Jahreskongress der German Speakers Association die verschiedenen Stile professioneller Redner beobachten.

Manche mit viel Infotainment, manche mit viel Content. Es gab zwei unterschiedliche Formate: einerseits die grosse Bühne, andererseits kleinere Seminarräume, wo der Charakter workshopmässig war. Zwei Vorträge sind mir besonders in Erinnerung geblieben, weil sie konträr zum Vortragsort gestaltet waren.

Eine Referentin sprach in einem kleinen Seminarraum. Der Inhalt war interessant, doch für diesen kleinen Rahmen sprach sie zu „vortragsmässig“. Offenbar war sie eine der Vertreterinnen der Spezies Mrs. Perfect. Sie hatte den Vortrag zu Hause genau konzipiert und geprobt, hatte aber vergessen, wie nahe sie mit dem Publikum auf Tuchfühlung sein würde. Wie zu Hause eingelernt, trug sie so vor, als ob sie weit weg auf dem Podium stünde und suchte wenig Kontakt mit dem Publikum. Die Reaktion war: das Publikum war enttäuscht und verliess teilweise den Raum. Mehr Interaktion – Fragen, kleine Partnerübungen, informellere Sprache, hätten der Referentin den Stress gemildert und den Zuhörern mehr das Gefühl gegeben, Informationen aus gelebter Praxis  zu bekommen.

Ganz anders sind die Regeln für die grosse Bühne. Wenn Sie auf der Bühne stehen, sind Sie Alleinunterhalter. Sie führen einen Dialog mit sich selber, stellen Fragen in den Raum und beantworten sie selber. Sie führen einen „fiktiven“ Dialog mit dem Publikum. Das ist viel schwieriger, da Sie die Fragen und Bedürfnisse des Publikums von vornerherein erahnen müssen. Gleichzeitig braucht die grosse Bühne eine Natürlichkeit und Lebendigkeit, die in einem Gespräch ganz natürlich entsteht, die Sie in diesem Falle aber in sich selbst erzeugen müssen.

Eine amerikanische Referentin war gewohnt, das „grosse Bühne-Muster“ zu durchbrechen, herabzusteigen und im Publikum Fragen zu stellen. Sie hatte das bereits tausende Male gemacht – aber in den USA. In Deutschland spulte sie nun ihr Programm ab, vergass aber, dass nur wenige Deutsche wirklich sattelfest im amerikanischen Englisch sind und amerikanische Insiderwitze verstehen. Auf Fragen von ihr kam daher oft keine Antwort und ihre Witze fanden nur ein bis zwei Lacher (von 300 Teilnehmern!). Sie nahm es mit Humor, war aber innerlich sicherlich sehr gestresst.

Wäre sie auf der Bühne geblieben, hätte sie ihre Rede abspulen können und wäre nicht darauf angewiesen gewesen, dass jemand auf ihre Fragen reagiert. Je grösser die Zahl der Zuhörer, desto weniger will sich ein Einzelner im Publikum exponieren. In einer Workshop-Athmosphäre hingegen erwarten sich die Teilnehmer die Interaktion.

Meine Empfehlung daher: Beachten Sie genau, ob Sie auf der grossen Bühne oder im Workshop vortragen. Die Erwartungen des Publikums sind unterschiedlich, je nachdem in welchem Umfeld der Vortrag stattfindet. Vortrag ist nicht gleich Vortrag.

Es grüsst Sie herzlich,
Ihre



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Vortrags-SOS® Newsletter #24, Oktober 2009
Verwendung frei unter Quellenangabe www.fleurwoess.com

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