Vergessen Sie das Manuskript!

Als dem ägyptischen König Ammon die Schrift als neues Kommunikationsmittel vorgestellt wurde sagte er: "Diese Erfindung wird die Lernenden vergesslich machen, weil sie ihr Gedächtnis nicht mehr üben; denn im Vertrauen auf die Schrift suchen sie sich durch fremde Zeichen ausserhalb, und nicht durch eigene Kraft im Innern zu erinnern." (erzählt von Sokrates, zitiert in Platos Schrift "Phaidros")

Was bedeutet diese Geschichte für uns als Redner?
Die zweite Hälfte von Ammons Ausspruch ist sehr wesentlich:”Sie suchen sich durch fremde Zeichen ausserhalb zu erinnern”. Die Schrift in Form von Notizen ist eine wunderbare Gedächtnisstütze, um den roten Faden in einer Rede nicht zu verlieren. Sie kann jedoch nicht mehr als eine Krücke sein und niemals das Medium, das die Zuhörer bewegt.

Warum ist das so?
Der Vorgang des Ablesens lenkt uns von unseren inneren Bildern ab. Wir sind während des Lesens "linkshirnig" beschäftigt. Gefühle, Erfahrung und die bildhafte Vorstellungskraft befinden sich jedoch in unserer rechten Gehirnhälfte. Und nur mit ihr erreichen wir die Herzen unserer Zuhörer. Das bedeutet, wir müssen Übersetzungsarbeit leisten!

Gehen Sie in Konzerte mit klassischer Musik? Können Sie sich vorstellen, daß Carlos Kleiber die 5. Beethoven dirigiert, indem er seinen Kopf in die Partitur steckt? Nein, er hat die Arbeit des "Übersetzens" – der Umsetzung der Noten in innere musikalische Bilder schon längst vollzogen! Nur durch diese geniale Übersetzung findet seine Musik direkt in unsere Seele.

Fazit:
Verwenden Sie möglichst kein schriftliches Manuskript!
Achten Sie darauf, daß Sie für Ihre Zuhörer genügend “Bilder” bereithalten: Beispiele, Situationen, Analogien usw.

Schreiben Sie sich Notizen in Stichworten auf Kärtchen – groß und mit Filzstift.

Legen Sie ein übersichtlich geschriebenes Blatt mit Ihrem roten Faden gut sichtbar hin.

Ein guter Trick ist, die Haupt-Themen des Vortrages für das Publikum sichtbar aufzuhängen. So wissen Sie selber auch, was als nächstes kommt.

Overheadfolien und Power Point Folien, richtig geordnet können ebenfalls ein guter Leitfaden für Sie sein.

Wenn Sie ein schriftliches Manuskript verwenden müssen - etwa bei einem Fachvortrag, dann unterbrechen Sie mitunter den schriftlichen Text und schildern Sie in eigenen Worten noch einmal worum es geht.

Aktivieren Sie Ihr bildhaftes Denken im Alltagsleben!
Sind wir nicht gewöhnt, Bilder von außen geliefert zu bekommen, statt selber Bilder durch Erzählen zu erschaffen? Pflegen wir wieder unsere Erzählkultur! Wenn unsere Kinder zu Hause unserer Geschichte zuhören, dann haben wir große Chancen daß die Geschichte auch für unsere Zuhörer spannend sein wird.


Vortrags-SOS® Newsletter #5, September 2002
Verwendung frei unter Quellenangabe www.fleurwoess.com
--------------

Weiterempfehlen

Subscribe & Unsubscribe

Archiv & pdf-Download

<<< Zurück zur Auswahl